Auch dieser Tag ist nun fast vollbracht und der Tag der Entlassung naht. Bettvorfreude stellt sich ein. Nun könnte das Leben so schön sein, aber Sigmund Jähn, der jugendliche Held aus Morgenröthe-Rautenkranz, flog als erster Deutscher in den Weltraum. Kompanieschreiber Konrad hat heute vom Polit die kleine Aufgabe bekommen, eine passende Wandzeitung zu gestalten. Damals wurden noch keine starken Zeichen gesetzt oder harte Kante gezeigt – man machte es einfach.
Das war eine willkommene Gelegenheit, dem Krach und Stress des abendlichen Revierreinigens zu entgehen und so verzog er sich mit zwei Unteroffizieren ins Dienstzimmer des Politoffiziers in der dritten Etage. Dort gibt es diesen Schrank voller Propagandamist, den Konrad monatlich mit 50 Mark vollstopfen musste. Weil der Schrank schon überquoll, aber das Geld weg musste, kaufte er seit ein paar Monaten nur noch teure, raumsparende Sachen. Der kleine, privatgeführte Schreibwarenladen in Stendals Innenstadt freute sich auch immer schon, wenn der Gefreite in der schicken Einstrichkeinstrich-Uniform vom Fahrer mit dem P3-Jeep vor dem kleinen Eckladen hielt. Wahrlich eine Win-Win-Situation: er bekam die völlig überteuerten Scribente, grünen Kurvenschablonen und diese sehr platzsparenden Typofix-Abreibe-Bögen los und der Schrank des Polit zerbarst trotz Warenflut nicht. Auf die Idee, den Kram einfach wegzuschmeißen – ja das war dann doch zu heikel, schon wegen der heiligen Bedeutung von Volkseigentum.
So ein Kompanieschreiber hat ja nun nicht wirklich viel zu tun: wenn die Jungs unten auf dem Exerzierplatz in der Kälte ihre Hampelmänner machten, schlenderte er in die Spießbude und setzte frischen Kaffee (meistens Rondo) auf oder machte die Bockwürste heiß. Die Genossen Offiziere trudelten meist auch schon bald ein und begannen ihr gut bezahltes Nichsttun. Letztlich unterstellt jeder jedem, dass der andere noch fauler und unnützer ist. Besonders und zu Recht kulminierte der Hass zwischen Spieß und dem Polit. Tatsächlich waren die beiden Burschen besonders faul. Ist es doch so, daß die wenigen Aufgaben, die der Spieß hat, der Schreiber macht und der Polit muss lediglich einmal im Monat die Politschulung durchziehen, wo er aus dem bunten Propagandaheftchen Wachsam und Kampfentschlossen die Grenzer auf das Thema BGS und GZD – Instrumente aggressiver Politik des Imperialismus in der BRD einschwor . Naja: und dann muss er noch monatlich für die Parteigruppe, die FDJ und die Kompanie diese Auswertungen und Zielstellungen im politischen Kampf niederschreiben. Aus Langerweile ud Schreiblust hat das Konrad dann auch noch übernommen. Es ist eigentlich unvorstellbar. Da saß Konrad stundenlang an der Rheinmetallschreibmaschine und tippte diese schwülstigen Texte, verziert mit Adjektivgewitter rein. Ja es ging immer um Stets wachsam, kampfstark und gefechtsbereit Oder um Alles zum Wohle des Volkes, alles für den Frieden, in unverbrüchlicher Freundschaft zur ruhmreichen Roten Armee
Ansonsten war so ein Tag mit wenig Höhepunkten bestückt: nach Stärkemeldung im Stab abgeben und der Küche die Essen melden. Das wars schon. Einmal in der Woche für er mit seinem Fahrer in die Stadt, um die gebrauchte Kompaniebettwäsche in so eine Hinterhofwäscherei abzugeben. Das war irgendwie eine schambesetzte Angelegenheit – sagen wir einmal so: nach dem Waschen waren die Bettlaken leichter. Konrad stopfte also in der B/A-Kammer die vollgewichste Wäsche in den Sack und oben drauf dann ein frisches Laken. Wenn es dann zum Vorzählen der Dreckwäsche vor den Augen der Jungmaiden in knappen Dederonkitteln kam, legte er als Fundament das saubere Tuch und dann darauf in rascher Folge des Rest. Hätte man Zelte bauen können …
Im Zimmer von Werner K. stand neben dem Schrank mit den Bürosachen eine Dominante, das ist ein großes Röhrenradio, es war wohl sicher privat mitgebracht. Die Nutzung von Radios musste beantragt werden und die Geräte mussten „gekennzeichnet“ sein. Was ist das nun wieder? Mit Heftpflasterstreifchen oder mit einem Filzstift mussten die Stellen auf der UKW-Skale markiert sein, wo DDR-Sender waren. Einfach, daß man sich nicht rausreden kann. Das Hören von Westsendern galt selbstverständlich als Kontaktaufnahme mit dem Klassenfeind und irgend eine, sicherlich hohe Strafe stand darauf. Die Doninante des Genossen Hauptmann und Schalke-04-Fans (ja unter der Schreibtischplatte lag so ein Starschnitt) war selbstverständlich nicht mit solchen Markierungen versehen – ihm wurde wohl ein fester Klassenstandpunkt trotz seiner Sympathie mit einem Fussballverein aus dem verhassten Westen unterstellt. Der Oberfeldwebel schaltet die Kiste ein, flotte Musik. Ok. Nun ran an den Quatsch. Konrad und die Uffze denken gerade darüber nach, wie man wohl würdig diesen deutschen Kosmonauten ehren kann. Es ist um zehn, die Tür geht auf und der Offizier vom Dienst, so eine Oberstleutnant, kommt mit seiner Entourage ins Büro. Konrad springt zum Radio und schaltet aus. Er nun: „Genosse Gefreiter, schalten Sie ruhig wieder ein!“. Kaum sind die Röhren wieder warm plärrt's aus den drei Lautsprechern: „Hier ist RIAS Berlin. Eine freie Stimme der freien Welt“. Totenstille. Brüller. Jeder der drei musste sofort eine Stellungnahme schreiben – klar, da kam nichts mehr. Wer will schon dem Polit solche Subordinationen unterstellen?